Winter-Tollwood 2017

Alkoholfreier Punsch

Das Jahr neigt sich seinem Ende zu, ebenso das Winter-Tollwood 2017. Wie versprochen möchte ich euch noch mit meinen diesjährigen Eindrücken des Winterfestivals versorgen, auch falls ihr heuer noch oder nächstes Jahr einen Besuch dort plant.

(Hier meine Beiträge der vorigen Jahre 2015 und 2016.)

Altes und neues Schlemmen

Wie immer begannen wir damit, die veganen Köstlichkeiten zu beleuchten, denn mit versorgtem Magen fällt das Bestaunen der anderen Attraktionen wesentlich leichter. Während es sich dabei oft lohnt sofort das Zelt namens „ESSZIMMER“ anzusteuern, suchten wir zunächst den neuen veganen Spätzle-Stand, den es heuer zum ersten Mal gibt. Wir waren begeistert von den Spätzlegerichten in Bio-Qualität, welche wir einmal mit Blattspinat, Zwiebel und Knoblauch genossen sowie mit Rucola, Kirschtomaten und Olivenöl für jeweils 4€. Serviert wurde das ganze stilecht in kleinen Porzellanschälchen, die allerdings das Essen leider zusätzlich zum kalten Wetter schnell abkühlen ließen, aber immerhin Müll verhinderten.

Das Esszimmer hat insgesamt etwas abgebaut von der Vielfalt und wieder einmal werden Veganer auf den Angebotstafeln kaum direkt darauf hingewiesen, wo sie zugreifen wollen. Schade! Besonders lecker schmeckte uns dagegen der alkoholfreie Punsch an der Bar und das absolute Highlight war ein Rübli-Muffin bei dem Stand mit Kaffee und Süßem, der einfach sagenhaft gut schmeckte!

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Demokratie verteidigen

Gestärkt wollten wir etwas bummeln. Dabei zieht es einen immer schnell in die großen Zelte, gerade auch bei der Kälte, die wir hatten. Anstatt in den Markthallen zu landen, verschlug es uns völlig zufällig in den Weltsalon. Der darin platzierte Schauplatz der Demokratie schlug uns sehr schnell in seinen Bann durch unterschiedliche Ausstellungselemente. Darunter waren auch Konsumartikel, welche entsetzlich diskriminierenden und menschenfeindlichen Charakter hatten, aber quasi frei erwerblich sind in den Weiten des Internets. Ausgelegte Infobroschüren entlarvten die Zertstörungskraft dieser gefährlichen Botschaften.

Interaktiv wurde es beim „Werte verbinden“, wo man Wertetafeln mit Fäden verbinden konnte, wie es einem beliebte. Während „Gleichberechtigung“ und „Anerkennung“ viel Anklang funden, freute ich mich, dass kein einziger Faden bei „Dominanz“ hing, die in meinen Augen viele Probleme schafft auf der Welt. Groß und klein waren fleißig dabei beim Fädenspinnen, so wie auch bei einem Vortrag von Willi Weitzel, der durch „Willi wills wissen“ bekannt ist.

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Satt und sehr inspiriert verließen wir so das Festivalgelände und die mitgenommenen Infotexte halfen in den folgenden Tagen sogar dabei bei Mitmenschen Vorurteile und Angst gegenüber Flüchtlingen abzubauen.

Das Fazit bleibt: während mir viele konventionelle Weihnachtsmärkte gestohlen bleiben können mit ihrem inhaltslosen Kitsch, ist ein Besuch beim Winter-Tollwood stets zu empfehlen!

Lust auf Winter-Tollwood 2017?

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Es ist wieder so weit, das Winter-Tollwood in München ist in vollem Gange! Mal schauen, ob ich dieses Jahr wieder einen Erfahrungsbericht schreiben kann. Was meint ihr? Habt ihr Lust auf veganes Schlemmen?

Hier findet ihr meinen letztjährigen Besuch beim Winter-Tollwood 2016, den man auch auf http://www.veggiewiesn.de lesen kann: http://veggiewiesn.de/vegan-auf-dem-winter-tollwood-2016-von-glucosebrainy

Das Spaghetti Monster

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Liebes Tagebuch,

heute war es endlich so weit. Nach viel zu langer Zeit durfte ich wieder einmal mein liebstes Lieblingsgericht aller Zeiten verspeisen:

Spaghetti mit Tomatensoße!

Das war herrlich! Der Kantinenchef servierte mir höchstpersönlich dieses langweilig anmutende Gericht. Aber man bedenke:

L’essentiel est invisible pour les yeux.

Meinen Augen entging allerdings nicht, dass auch Reibekäse bereit lag, den ich freundlich abbestellte: „Ohne Käse, aber mit Grün!“ So ist’s fein.

Ein besonderer Tag

Da hat der Höhenflug gerade erst begonnen. Denn ich hatte mir außerdem den heutigen Tag extra im Kalender markiert, weil ich wusste es würde in der Kantine ebenfalls milchproduktfreien Nachtisch geben. Und so war es auch: eine Portion klein geschnittener Wassermelonen- und Ananasstückchen in Obstwasser, verfeinert mit Limette und Minze, ein wahrer Genuss! Da machte ich mal eine Ausnahme und griff zu. Erkläre ich doch meinem Umfeld immer wieder lautstark, dass ich Obst als Inbegriff gesunder Ernährung nicht als Nachtisch zu mir nehme, sondern entweder als Frühstücksvorspeise, Hauptmahlzeit oder Snack.

Der Hintergrund

Das Schicksal wollte es so, dass ich ausgerechnet heute sehr hell gekleidet war und die Spaghettisoße sehr flüssig und ölig ausfiel. Selbstverständlich stellte dies gar kein Problem für die Person dar, die sich stets damit rühmt seit mehreren Jahrzehnten keine Spaghetti-Flecken mehr produziert zu haben, auf Grund zahlreicher, harter Trainingseinlagen in der Kindheit (siehe obiges Bild; man beachte den Ausdruck der Entschlossenheit, welche wahrhaft zu Erfolgen führt). Naja, das eine Mal gab es zwischenzeitlich schon Flecken. Das war aber auch gemein, schließlich hatte ich meinen Zuhause-Pullover an, der zufällig weiß war und bei dem es ja eben egal war. Wer nicht weiß, was ein Zuhause-Pullover ist, möge sich in seinem Bekanntenkreis umhören. Irgendein (Spar-)Fuchs findet sich immer.

Keine Macht den Flecken

Trotz dieses in der Vergangenheit liegenden Zwischenfalls, war ich mehr als zuversichtlich, dass ich die Kantine erhobenen Hauptes ohne neu dazu gewonnener Flecken verlassen würde. Ich schreibe neugewonnen, denn an der Kasse fiel mir auf, dass ich bereits einen Fleck spazieren trug. Ich grübelte noch darüber, wie sichtbar dieser wohl war, denn er fiel nicht besonders groß und ebenfalls sehr hell aus. Die Antwort würde ich wohl erst beim nächsten Toilettenbesuch erfahren und so entschloss ich mich zunächst einmal mein Essen zu genießen.

In der Ruhe liegt kein Saft

Auf Grund der erläuterten Situation musste ich mir beim Essen gezwungenermaßen richtig viel Zeit lassen. Aber das war so schon ok, so hatte ich mehr Zeit zum Genießen, was sonst fernab meiner Natur liegt. Außerdem habe ich längst begriffen, dass der Großteil der Dinge, die man in allzu großer Eile verichtet, zu vermeidbaren, unangenehmen Problemen führen. Gekonnt schlang ich also Nudel- für Nudelbündel um meine Gabel, führte sie behutsam in den Mund und sog die herabhängenden Nudelenden mit größter Vorsicht ein. Hier liegt keinerlei Übertreibung verborgen, da meine Kleidung vollkommen unberührt blieb, während der Tisch nicht nur einen Spritzer abbekam. Tja, gekonnt ist gekonnt.

Essenz des Essens

Während ich völlig entspannt mein Talent auslebte, dachte ich darüber nach, dass der Koch klug genug war diesem einfachen Gericht eine Extraportion Öl einzuflößen, so dass man gar nicht darum herum kam, es sehr schmackhaft zu finden. Dabei fiel mir ein, dass auch viele der besten Hobbyköche, die ich kenne, sich dieses Zusammenhangs völlig bewusst sind – so sehr sogar, dass sie mittlerweile wahrscheinlich völlig unbewusst mit großen Mengen Öl kochen. Da bin ich ganz anders. Wenn ich für mich allein koche, benutze ich nur sehr wenig oder gar kein Öl. Das endet dann oft in recht faden Mahlzeiten, was aber primär dann doch der Tatsache geschuldet ist, dass ich mich gleichzeitig darauf konzentriere möglichst viele kunterbunte, verderbliche Reste zu verwerten und somit dann auch generell eher sparsam umgehe mit jeglichen zusätzlichen, intensiven Geschmacksträgern. Im schlimmsten Falle muss ich mich dann drei Tage lang davon ernähren, weil so viel zu verwerten war…

Öl oder kein Öl?

Ich ging noch einmal in mich: kann ölfreie Nahrung aus Prinzip nicht lecker schmecken? Mein Beilagen-Gurkensalat belehrte mich schnell eines besseren. Schließlich war bei ihm der Schlüssel zum Erfolg hauptsächlich Säure – eine allzu oft vergessene Geschmacksnote, die sowohl Öl als auch Salz überflüssig machen kann. Nach dieser mittaglichen Kontemplation über den verräterischen Krankmacher der zugesetzten Fette (kein Vergleich zu Zuckerzusätzen), genoß ich noch mein Dessert besonders demonstrativ, wischte die Ölspritzer von meinem Geldbeutel und verließ inspiert die Kantine – und natürlich ganz selbstbewusst, mit (quasi) unbeflecktem Hemd.

xo xo

Dein Spaghetti Monster

PS: Der Hemdfleck vom Vortag stellte sich in den Toiletten als harmlos heraus.

PPS: Auf meiner Hose hatte ich auch bereits einen Fleck vom Vortag, aber beim Gehen lag er glücklichweise auf Kniehöhe in einer Hosenfalte, davon hatte ich mich bereits vor dem morgendlichen Verlassen meiner Wohnung überzeugt.

PPPS: Es macht also nichts, sollten die Flecken beim Waschen nicht rausgehen. Falls es doch zum Problem werden sollte, erweitert sich mein Bestand von Zuhause-Kleidung.


* Gemeint ist Freelee The Banana Girl, eine Person öffentlichen Lebens, welche es erfolgreich perfektionierte sich außergewöhnlich gesund, kohlenhydratbasiert, vollwertig  sowie ohne Öl- und Salzzusatz zu ernähren, was nach einiger Zeit zu erwünschtem Gewichtsverlust führte.

Ich widme diesen Text meinem BFF, der nicht nur verantwortlich dafür ist, dass meine Bildersammlung solch anschauliche Grafiken beinhaltet, sondern der mich außerdem dazu inspirierte, das Zitat von Antoine de Saint Exupéry während einer Mittagspause auf völlig neue Art und Weise zu ergründen.

Geht es Labormäusen gut? – Wo Wissenschaft versagt!

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Wenn es darum geht, ob es einem Tier gut oder schlecht geht, möchte sich Verhaltensbiologin Prof. Dr. Richter nicht nur auf ihr Gefühl verlassen, sondern es auch wissenschaftlich belegen können, wie sie vor einiger Zeit in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Titel: „Ich bin sehr tierversuchskritisch, aber…“) verlauten ließ, in welchem sie erklärt, wie mensch herausfindet, ob Labormäuse optimistisch sind. Die genannte Belegbarkeit klingt zunächst einmal nach einem guten Ansatz, um auch Skeptiker_innen effektiv über Tierleid aufzuklären. Doch wo liegt eigentlich die Grenze zwischen gut und schlecht?

Das geringste Übel darf nicht reichen

Die Professorin für Tierschutz identifiziert die Boden“haltung“ von Hühnern als schlecht aufgrund unwürdiger „Haltung“sbedingungen. Sicherlich ist dies richtig, doch suggeriert die Aussage, „Freilandhaltung“ hingegen wäre gut. Jedoch sind auch bei dieser Form zahlreiche Missstände bekannt. Denn Auslauf ist nicht das einzige, was ein würdiges Leben ausmacht. Das geringste Übel darf nicht einfach so mit dem Label „gut“ versehen werden.

Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Um „Haltung“sbedingungen von „Labortieren“ zu verbessern, werden laut der Wissenschaftlerin Richter Tests an Tieren durchgeführt. Beispielsweise wird untersucht, wie optimistisch oder pessimistisch sie sind, mit Hilfe von Futterbelohnungen und sogenannten „milden Bestrafungen“. Am Ende wird geschlussfolgert, dass die „Haltung“sbedinungen verbessert werden sollten, wenn die Tiere überwiegend pessimistisch reagieren. Auch hier findet ein zweifelhafter Versuch statt, um zu definieren, was schlecht für Tiere ist, ohne abzugrenzen, ab wann es ihnen denn wirklich gut ginge. Schlimmer noch, Tiere werden Experimenten mit Bestrafungselementen ausgesetzt, damit ihr Befinden überhaupt erst festgestellt werden kann. Das zeigt, dass der Fokus eben nicht auf dem Wohl der Tiere liegt, sondern darauf, wie mensch Tierversuche rechtfertigen kann. Doch der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Mitgefühl über Wissenschaft

Es ist schon eine Perversion, Tieren die Fähigkeit zu Optimismus und Pessimismus zuzuschreiben und gleichzeitig an ihnen Experimente durchzuführen. Die Annahme, mensch könnte so einfach bestimmte Reaktionen der Tiere mit Optimismus oder Pessimismus erklären, erscheint außerdem sehr waghalsig, wenn mensch bedenkt, dass nicht einmal das eigene Verhalten so einfach einzuordnen ist, obwohl darüber wesentlich mehr Informationen durch Einsatz unserer Sprache vermittelbar sind.

Geht es denn einem Menschen gut, der keinen erkennbaren Pessimismus zeigt? Ist die bloße Abwesenheit einer schlechten Empfindung oder Rahmenbedingung schon Garant für ein gutes Leben? Ich persönliche erkenne hier nicht, dass die Wissenschaft uns viel eindeutigere Antworten liefert als unser (Mit-)Gefühl. Nein, viel mehr würde es helfen, sich bei jeglichem Umgang mit Tieren die Frage zu stellen: Würde ich auch so mit meinem geliebten „Haustier“ verfahren? Aber noch viel ehrlicher gibt mensch Auskunft darüber, was vertretbar ist, wenn mensch sich fragt: Wie würde es mir dabei gehen, so etwas selbst zu erleben?


Diesen Beitrag habe ich für ANIMALS UNITED e. V. geschrieben zu finden unter https://www.animalsunited.de/geht-es-labormaeusen-gut-wo-wissenschaft-versagt/

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Tagebuch ist Therapie

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Heute ist Tag des Tagebuchs und wie in einem Artikel der Zeit beschrieben wird, kann Tagebuchschreiben eine Art Therapie darstellen. Das habe ich vor allem in meiner Jugend erlebt.

„Manic Depression is touching my soul“

Wenn ich an meine Jugendzeit denke, kann ich mich an Zustände erinnern, die womöglich schon in Richtung einer Depression gingen. Tatsächlich half es mir damals sehr Tagebuch zu schreiben, denn vieles wollte man schlichtweg niemand anderem anvertrauen. Ja, mein Tagebuch war in der Tat vor allem eine Art Begleiter für mich – ein jemand. Das wird mir besonders dann bewusst, wenn ich nach Jahren wieder mal einen Blick hineinwerfe und feststelle, dass sich kein Buch daraus machen lässt. Denn abgesehen davon, dass vieles sehr persönlich ist, werden einem die eigenen Ansichten aus der Vergangenheit schon fast fremd auf Grund der Weiterentwicklung, die man durchläuft. Hin und wieder entdecke ich eine interessante oder lustige Anekdote, die ich längst vergessen habe, aber der Hauptwert des Tagebuchs lag wohl tatsächlich im Moment des Schreibens selbst. Diese therapeutische Wirkung wird eben auch von Psychologen betont.

„Feeling sweet feeling“

Heute führe ich kein Tagebuch mehr, aber ich blogge und merke auch hier, dass der Weg oftmals das Ziel ist. Wie neulich als eine besonders intensive Achterbahn der Gefühle einen Tagesverlauf prägte und ich am Abend rückblickend darauf meine Gedanken nicht nur innerlich sortierte, sondern den Drang verspürte diese auch aufzuschreiben. Beides hatte eine sehr befreiende Wirkung.

„Music sweet music“

Da solche Erlebnisse nicht selten mit Tränen verbunden sind, landen deren Ergebnisse häufig in meiner Blogkategorie „Tagebuch der Tränen“. Ich werde auch den Text, den ich wie beschrieben vor kurzem verfasst habe, demnächst dort veröffentlichen. Er heißt „Autopilot“ und enthält interessanterweise viele Anspielungen auf meinen unangefochtenen Lieblingstherapeuten, nämlich die Musik – wozu ich mich übrigens auch hier in den Überschriften hinreißen habe lassen inspiriert von Jimi Hendrix, einem weiteren Begleiter meiner Jugend.

Landwirtschaft vs Tierwohl

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In der Reportageserie Überland berichtet ZEIT ONLINE von regionalen Geschehnissen um unser Land näher zu kennenzulernen. Dabei wird die Geschichte eines Schweinezuchtbetriebs erzählt, welcher wie viele landwirtschaftlichen Höfe zwischen den Fronten der freien Marktwirtschaft und des Tierschutzes steht.

Zu den zehn meiner Meinung nach aussagekräftigsten Zitaten jener Reportage beziehe ich in Überschriften kurz Stellung:

Des einen Glück…

Tebel schreitet eine Reihe von Sauen ab. 70 Zentimeter hat jede von ihnen in der Breite Platz. Früher waren es mal 60 Zentimeter. „Jetzt redet die Politik von einem Meter“, sagt Tebel. Den Plan hat der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer ausgeheckt, ein Grüner. Der habe, wie so viele Menschen im Land, keine Ahnung von Landwirtschaft, sagt Tebel. Wenn die Tiere einen Meter Platz hätten, könnten sie sich umdrehen und in ihren eigenen Trog scheißen. Wer kann so was wollen? Und wer müsste das dann am Ende ausbaden? Tebel, der Ferkelzüchter natürlich.

Die (er)nüchtern(d)en Fakten

Im niedersächsischen Dorf Prezier, direkt an der Grenze zu Sachsen-Anhalt, zieht seine Familie kleine Schweine heran. 200 Sauen stehen in den Ställen. Alle drei Wochen, immer montags, verkaufen die Tebels die Ferkel an Mäster, die die Tiere fett machen. Nach einem halbjährigen Leben werden die Tiere zum Schlachter und dann als Schnitzel ins Kühlregal gefahren.

Die ewige Schuldfrage

Die Leute, sagt Tebel, wollten einerseits viel Platz und Liebe für die Schweine. Sie verlangten nach Zuchtmethoden in Bioqualität, nach Bauernhöfen, die in das romantische Bild von Landwirtschaft passen. Wenn sie aber in den Supermarkt gingen, kauften sie kiloweise konventionelles Fleisch. […] Warum, fragen die Tebels, sollten die Bauern Fleisch für einen Markt produzieren, den es nicht gibt?

Und das ist der Preis

Gerade bekommen alle Tiere Antibiotika ins Futter gemischt. Es sind Leptospiren im Stall, eine hartnäckige Infektionskrankheit.

Die Diskriminierung einzelner Arten: Speziezismus

Als ein Bauer in der Nachbarschaft einen Hähnchenmaststall baute, besetzten Demonstranten die Baustelle. An einem Tag kam es sogar zu einer Schlägerei. Jetzt will der Hähnchenmäster einen zweiten Stall bauen und prompt sammelten Tierschützer 2000 Unterschriften gegen den Plan. „Das gibt’s ja wohl nicht“, sagt Tebel und schüttelt den Kopf, „als wenn 40.000 Hähnchen ein Megastall wären.“ Tebel findet, dass er es den Tieren so gut wie möglich mache. Seine Sauen und Ferkel seien schließlich sein Betriebskapital. Aber: „Wir halten Nutztiere und keine Haustiere.“

Ein trauriges Leben

„Da ist die Oma“, sagt Tebel und zeigt auf eine besonders dicke Sau. Nummer 6.129 hat schon 18-mal abgeferkelt. Gerade wieder. Eng von einem Gitter umgeben, liegt sie da, kann sich kaum bewegen, weil sie die Kleinen sonst erdrücken könnte. Die Ferkel wuseln um sie herum und saugen an den Zitzen.

Bio ist kaum besser

Mit der Biolandwirtschaft habe er „gar kein Problem“, aber er lehnt es ab, dass bio gegen konventionell ausgespielt und so getan werde, als sei das eine gut und das andere schlecht. „Biobetriebe sind auch Intensivbetriebe und haben oft viel mehr Fläche als ich und mehr Sauen“, sagt Adolf Tebel.

Gewalt ist nicht der Weg, aber Weintrauben sind keine Tiere

Dass Menschen sich moralisch überlegen fühlen, die im Winter Bioweintrauben aus Südafrika kaufen, Biotomaten aus Holland und Bioerdbeeren aus Spanien, das kann Tebel kaum fassen. Dass diese Leute ihm sagen wollen, dass es falsch sei, was er tue, dass sie meinen, es sei vertretbar, ihm Stallfenster einzuwerfen, kann er nicht verstehen. Aber wehe es gibt mal kein Fleisch im Laden, dann sei was los. „Die ganze Welt entwickelt sich weiter, aber wir Bauern sollen arbeiten wie vor einem Jahrhundert“, sagt Tebel.

Veganismus ist dagegen ein effektiver Ausweg

Aber hilft es nicht, wenn die Schweine wenigstens ein bisschen mehr Platz bekommen, wenn die Bedingungen für die Aufzucht strenger werden? Tebel schüttelt den Kopf. Dann würde sich die Zucht angesichts eines globalen Marktes in Deutschland nicht mehr lohnen. Dann würde das billige Fleisch eben aus Rumänien oder Bulgarien kommen. […]Lohnt es sich, zu investieren, jetzt, da so vieles auf dem Prüfstand steht? Ist in fünf Jahren verboten, was heute legal ist? […] „Je mehr von oben verordnet wird, desto größer ist die Verteidigungshaltung“, antwortet Tebel. Auch deshalb arbeitet er im Bauernverband mit.

Gut ist, was normal ist?

Gegen Mittag dampfen die Damwild-Rouladen auf dem Küchentisch. Adolf Tebel hat nichts gegen Vegetarier, sagt er. Nur: „Die sollen auch nichts dagegen haben, dass wir uns normal ernähren.“

Bei Tieren hört die Ethik auf

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In einem Interview mit „DIE ZEIT“ bringt es die Philosophin Friederike Schmitz hundertprozentig auf den Punkt, was unseren gesellschaftlich anerkannten, jedoch unethischen Umgang mit Tieren angeht. Obwohl er schlichtweg nicht zu rechtfertigen ist, wird er vehement verteidigt. Hier stelle ich diesen vermeintlichen Rechtfertigungen die beeindruckenden Aussagen von Frau Schmitz gegenüber:

Ich könnte nie auf Fleisch oder Käse verzichten.

Sie hätten Ihren Hunger leicht auf andere Weise stillen können. Ihr Schinkenbrot entspricht also einer geschmacklichen Präferenz. Dafür aber werden Tiere eingesperrt, verstümmelt und getötet. Theoretisch formuliert: Ihr Nutzen steht in keinem Verhältnis zu dem Leid, das Sie mitverursacht haben. Aus ethischer Perspektive lässt sich das nicht rechtfertigen.

Für mich kommt nur Bio-Haltung in Frage.

Ob einem Schwein 0,75 Quadratmeter oder 1,5 Quadratmeter zur Verfügung stehen, ändert viel weniger, als suggeriert wird. Sein Leben ist völlig verarmt, und sein Schicksal ist der Schlachthof. Ähnliches gilt für die Milchproduktion. Auch auf einem Biohof werden die Kälber nach der Geburt von der Mutter getrennt, um Milch zu gewinnen. Tagelang rufen die Kühe nach ihrem Nachwuchs, und die Kälber besaugen sich gegenseitig. Wenn man die Tierethik konsequent zu Ende denkt, sehe ich keine Alternative, als sich vegan zu ernähren.

Armes, krankes Kätzchen…

Ja, die meisten Menschen haben Mitgefühl mit leidenden Tieren. Kaum jemand möchte, dass Tiere nach Belieben gequält und getötet werden. Es ist psychologisch wie soziologisch interessant, dass aber genau das in gigantischem Ausmaß geschieht.

Das Töten von Tieren ist ja nur bei vernünftigen Gründen erlaubt.

Als „vernünftiger Grund“ geht alles durch, was ökonomisch ins Kalkül passt. Wenn die Kuh nicht mehr genug Milch gibt, wenn man männliche Küken nicht aufziehen kann oder wenn das Schwein das richtige Schlachtgewicht hat – dann ist das Töten erlaubt.

Aber wir haben immer schon Fleisch gegessen.

Ein Unrecht wird nicht dadurch gerechtfertigt, dass es Tradition hat. Philosophische und religiöse Systeme, die Tieren jede moralische Relevanz absprechen, sind überholt. Heute leugnet niemand mehr, dass Tiere Empfindungen und komplexe Bedürfnisse haben. Es gilt, daraus die Konsequenzen zu ziehen. […] Wie unser Umgang mit Tieren heute war die Sklaverei ein Unrecht, das lange nicht als solches erkannt und mit fadenscheinigen Argumenten legitimiert wurde.

Menschliches Leben ist eben wertvoller als tierisches.

Die Frage ist, ob es einen prinzipiellen Unterschied gibt; ob also Eigenschaften existieren, die alle Menschen besitzen, die aber kein anderes Tier hat. Am Ende findet man nur eine Eigenschaft: dass Menschen eben Menschen sind.

Der Mensch ist Tieren einfach überlegen auf Grund seiner Intelligenz.

Ebenso gibt es Menschen, die nicht sprechen oder selbst nicht moralisch handeln können. Trotzdem ist das kein Grund, sie minder zu achten, auszubeuten oder zu töten

Tierversuche werden ja ethisch abgewogen.

Ich sitze selbst in solch einer Kommission und kann Ihnen sagen: Am Ende werden die Versuche immer genehmigt. Da kann die Ethikerin abstimmen, wie sie will, die Forscher sind stets in der Überzahl. Wir dienen primär als Alibi. […] Die Harvard-Philosophin Christine Korsgaard hat eine gute Maxime entworfen, um diesem Dilemma zu entkommen: Danach ist im Umgang mit Tieren das erlaubt, wovon wir plausibel annehmen können, dass die Tiere dem zustimmen würden.

Ich kann doch überhaupt nichts an den Zuständen ändern.

Neben der Bequemlichkeit der Leute spielt die Verschiebung von Verantwortung innerhalb des gegenwärtigen Wirtschaftssystems eine Rolle. Die Konsumenten sagen, sie können an den Produktionsverhältnissen nichts ändern; die Produzenten sagen, die Leute wollen ihr Fleisch möglichst billig einkaufen. Und die Politik will es sich weder mit den einen noch den anderen verderben. Das sind keine guten Voraussetzungen, um ethisch reflektierte Entscheidungen zu treffen. […] Für mich zeigt diese Überforderung gerade, dass es einer grundsätzlichen Kritik der Verhältnisse bedarf. Es sollte uns doch zu denken geben, dass unsere Gesellschaft auf eine Weise organisiert ist, die es uns praktisch unmöglich macht, uns richtig zu verhalten.

Was kannst du denn überhaupt noch essen?

Wenn ich Gäste habe, nutze ich die Chance, ihnen die Vielfalt von veganen Gerichten zu zeigen. Und ist es nicht besser, über unser Verhältnis zu Tieren zu diskutieren, ohne auf ihnen herumzukauen?

Die traurige Nachricht ist: seit dieses Interview vor drei Jahren entstand, hat sich nur wenig daran geändert, dass Milliarden von Tieren weltweit zu unserem vermeintlichen Nutzen abgeschlachtet werden.

Das einzige Gute, was mich aufrechthält, ist, dass ich nichtsdestotrotz Veränderung sehe und Menschen um mich herum habe, die diese ebenfalls unterstützen.