Tagebuch ist Therapie

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Heute ist Tag des Tagebuchs und wie in einem Artikel der Zeit beschrieben wird, kann Tagebuchschreiben eine Art Therapie darstellen. Das habe ich vor allem in meiner Jugend erlebt.

„Manic Depression is touching my soul“

Wenn ich an meine Jugendzeit denke, kann ich mich an Zustände erinnern, die womöglich schon in Richtung einer Depression gingen. Tatsächlich half es mir damals sehr Tagebuch zu schreiben, denn vieles wollte man schlichtweg niemand anderem anvertrauen. Ja, mein Tagebuch war in der Tat vor allem eine Art Begleiter für mich – ein jemand. Das wird mir besonders dann bewusst, wenn ich nach Jahren wieder mal einen Blick hineinwerfe und feststelle, dass sich kein Buch daraus machen lässt. Denn abgesehen davon, dass vieles sehr persönlich ist, werden einem die eigenen Ansichten aus der Vergangenheit schon fast fremd auf Grund der Weiterentwicklung, die man durchläuft. Hin und wieder entdecke ich eine interessante oder lustige Anekdote, die ich längst vergessen habe, aber der Hauptwert des Tagebuchs lag wohl tatsächlich im Moment des Schreibens selbst. Diese therapeutische Wirkung wird eben auch von Psychologen betont.

„Feeling sweet feeling“

Heute führe ich kein Tagebuch mehr, aber ich blogge und merke auch hier, dass der Weg oftmals das Ziel ist. Wie neulich als eine besonders intensive Achterbahn der Gefühle einen Tagesverlauf prägte und ich am Abend rückblickend darauf meine Gedanken nicht nur innerlich sortierte, sondern den Drang verspürte diese auch aufzuschreiben. Beides hatte eine sehr befreiende Wirkung.

„Music sweet music“

Da solche Erlebnisse nicht selten mit Tränen verbunden sind, landen deren Ergebnisse häufig in meiner Blogkategorie „Tagebuch der Tränen“. Ich werde auch den Text, den ich wie beschrieben vor kurzem verfasst habe, demnächst dort veröffentlichen. Er heißt „Autopilot“ und enthält interessanterweise viele Anspielungen auf meinen unangefochtenen Lieblingstherapeuten, nämlich die Musik – wozu ich mich übrigens auch hier in den Überschriften hinreißen habe lassen inspiriert von Jimi Hendrix, einem weiteren Begleiter meiner Jugend.

Das ist Leben

Rosen

Ich habe scheiß Wochen gerade und auch wenn ich mich scheinbar irgendwie beisammen halte, merke ich doch immer wieder, dass ich innerlich in tausend Teile zerfallen sein muss – teilweise so sang- und klanglos, dass es zunächst einmal nicht mal mir selbst aufgefallen ist.

Aber einmal dabei ertappt, dass ich die Bruchstücke nicht einfach so wieder zusammenfügen kann, löst schon eine gewisse Verzweiflung aus. So bestehen meine Tage primär aus Vorsätzen dieses und jenes wieder in Ordnung zu bringen und dem darauf folgenden Eingeständnis: ich schaffe es nicht. Doch es gibt auch erhellende Momente, in denen ich denke, ich kriege es nicht hin und im nächsten Moment flackert trotz all dem ein Licht in mir auf und ich fühle diese wohlige Wärme, weil ich glücklich und dankbar bin, dass und wie ich lebe. Oder es kommt der Augenblick, in dem ich realisiere, stimmt, ich habe es wieder einmal nicht zur alten Form geschafft, aber ich habs schon besser hinbekommen als den Tag zuvor. Oder wenn ich schon wieder aufgegeben und mich abgefunden habe, dass ich etwas nicht kann, und völlig überraschend klappt es dann doch wie aus dem nichts, obwohl es mich davor schlichtweg nur geplagt hat.

Es ist schon seltsam, ich bin gefühlt nicht Herr über diese Kämpfe. Weder bekomme ich bewusst die Abwärtsspirale mit, noch kann ich die aufblitzenden Funken aktiv heraufbeschwören, aber irgendetwas in mir macht all das:

zerfallen und sich neu zusammenfügen.

Das ist Leben.


Nicht tot zu sein bedeutet noch nicht, zu leben.

– E. E. Cummings

wie Philosophy works! Mikrophilosophie von Rebekka Reinhard schreibt.

LebensAUFGABE Schlachthof

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In der Hektik der letzten Monate tat sich spontan ein freies Zeitfenster auf, das mit der 14. Mahnwache am Münchner Schlachthof zusammenfiel.

Schmerzen und Kälte

Ich nutzte prompt die Gelegenheit und machte mich direkt nach der Arbeit mit steifem Rücken auf den Weg nach München. Als ich am Schlachthof ankam, brennten schon unzählige Kerzen und es versammelten sich immer mehr Menschen. Es war kalt wie die ganze Woche schon, draußen wie auch emotional in mir drinnen. Aber mitgebrachte Tees und Heizungen so wie die Warmherzigkeit der Anwesenden half bei beidem.

Moby spricht es aus

So merkte ich gar nicht, wie die Zeit verging, bis ich mich wieder auf den Heimweg machen musste. Dabei hörte ich das Buch „Porcelain“ von Moby an. Darin geht es zunächst um die Anfänge Mobys als Musiker in den 80er Jahren. Aber Moby ist seit dieser Zeit ebenfalls Tierschützer und so klangen, nenn es Schicksal oder Zufall, folgende Zeilen in meinen Ohren, als ich gerade zu Hause ankam:

Die Fleischer waren schon bei der Arbeit und luden Rinderhälften und Lämmer aus, als ich mein Skateboard vorüberschob. Im Stillen sprach ich ein Gebet für die vielen toten Tiere. Es tut mir leid, dachte ich, während ein Fleischer mit einer Schweinehälfte über der Schulter Richtunge Kühlhaus lief. Es tut mir leid.

Mein Skateboard glitt durch eine Blutlache. Dieses Grauen – die toten Tiere, die vor meinen Augen herumgeworfen wurden – passte so gar nicht zu den Strahlen der Morgensonne, die mein Gesicht streichelten und dem perfekten Abend auf dem Dach des „Mars“. Während mein Skateboard durch eine weitere Blutlache rollte, schwor ich mir:

Ich werde es mir zu Lebensaufgabe machen das Leiden der Tiere zu beenden.

Ich hatte dem nichts mehr hinzuzufügen und zündete in meiner dunklen Wohnung eine Kerze an.


Ein Licht der Hoffnung – Mahnwachenaktionstage vor Schlachthäusern

Obdachlos und hilflos

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Vor einigen Tagen teilte eine Freundin dieses Bild von frontal21 zum Thema Obdachlosigkeit in Deutschland. Die Prognose, dass 2018 über 500.000 Menschen in Deutschland wohnunglos sein sollen und jeder Zehnte davon obdachlos, machte mich sehr betroffen.

Hilflosigkeit auf allen Seiten

Wie kann man nur helfen? Mir fielen spontan nur Sach- und Lebensmittelspenden ein. Geldspenden bergen die Gefahr, dass sie in organsierte Banden fließen oder für Rauschmittel ausgegeben werden, aber dennoch greife ich manchmal zu dieser Art der Spende. Denn ich bin ein Gegner davon aus Prinzip einer ganzen Gruppe von Menschen zu misstrauen, nur weil man bereits Kontakt zu schwarzen Schafen unter ihnen hatte.

Als ich bald darauf in das Stadtzentrum Münchens fahren musste, beschloss ich nach meinem Termin nicht nur mir selbst Frühstück zu kaufen sondern auch mindestens einem Obdachlosen. Das gelang mir und auch wenn ich weiß, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein war, glaube ich, dass ich dadurch wenigstens keinen Schaden aber womöglich einen kleinen Nutzen erreicht habe und zwei, drei Semmeln mehr kosten nicht die Welt – vor allem wenn man bedenkt, was sich Mensch sonst alles leistet.

Mit diesen Gedanken fuhr ich in Richtung Arbeit, aber das Gefühl der Hilflosigkeit ließ mich nicht los. Auch die Obdachlosen hatten im Übrigen einen hilflosen Eindruck gemacht bei meinem Angebot mein Frühstück mit ihnen zu teilen. Also wollte ich die Zeit dadurch nutzen das Thema zu recherchieren und landete beim Manuskript zur besagten frontal21-Sendung, welches passenderweise aus Interviews mit Münchner Obdachlosen in der Winterzeit bestand, umrahmt von allgemeinen Fakten.

Angst, Stolz, Scham und Stigma

Dass die Wege in die Obdachlosigkeit vielfältig sind und es im Prinzip jeden treffen könnte, war mir auch vorher schon bekannt, dennoch erschütterte mich der Inhalt des Berichts. Es gibt immer mehr Obdachlose und einige von ihnen arbeiten zwar, aber können sich dennoch keine Wohnung leisten, gerade hier in München (auch dabei habe ich kein Verständnis für die Münchner Wohnraumsituation, ähnlich wie ich hier beschreibe). Übernachtungen unter Brücken werden selbst bei Minusgraden noch gegenüber Obdachlosenheimen bevorzugt auf Grund alkoholisierter Zeitgenossen in den Einrichtungen. Manche Obdachlose führen ein Doppelleben, bei dem sie sich völlig unauffällig in die Masse der arbeitenden Bevölkerung einfügen, nur dass sie trotz ihrer Mühen kein Dach über den Kopf haben. Die Ursachen der Obdachlosigkeit reichen von Arbeitslosigkeit über Erkrankungen bis hin zur Flucht aus dem Elternhaus und machen vor keiner Bildungsschicht halt. Das Schockierendste für mich: viele Betroffene berichten von Angst jemanden um Unterstützung zu bitten, selbst bei ihren engsten Angehörigen, auf Grund von Stolz, Scham und der Stigmatisierung von Obdachlosen.

Du hast versagt – oder Herz!

Mein Fazit: jedes Mal, wenn wir an einem wohnungslosen Menschen vorbeigehen, sehen wir das Versagen unserer Gesellschaft. Solange unsere Mitmenschen (von uns unbemerkt) in die Obdachlosigkeit geraten können, läuft etwas schief. Ich bin deprimiert. Mir fällt noch ein, was die Band „Apocalyptica“ am Vorabend bei ihrem Konzert in der Philharmonie vor ihrem letzten Metallica-Cover “One” zu uns sagte:

We live in a strange world, so please take care of yourself, and take care of each other.

Mittlerweile in der Arbeit angekommen, kullerten bei diesen Gedanken die Tränen und das ist das allerletzte, was ich dort regelmäßig geschweige denn gern tue.

Einige Zeit später lese ich den Blog-Beitrag von Julia Maier, die ein herzzerreißendes Erlebnis bezüglich dieser Thematik hatte:

Garstiger Geruch steigt in Nase. Obdachlos. Schämt sich überhaupt in die U-Bahn gestiegen zu sein. 4 Plastiktüten. Handschuhe mit freien, blau-rot gefrorenen Fingerkuppen. Teenie links: „Boah, du stinkst ey!“. Gruppenzwang. Zwingt zum Mitlachen; auslachen, beleidigen. Tüte fällt von Sitz. Finger gefroren – können Griff nicht greifen. Teenie latscht mit Abscheu über Tüte. Schüttelt den Kopf. Ich : Fassungslos. Verliere die Fassung. Sie zerspringt.

Greife die Tüte; muss dafür selbst auf die Knie. Schiebe sie dem Mann hin, dessen Gesicht sich mir nun offenbart. Hinter verfilzten Haaren kommt ein Gesicht zum Vorschein, dass Schmerz und Trauer vereint. Scham, in einer U-Bahn zu sein. Scham, um sein Wissen nach Obdachlosigkeit zu riechen. Der neue Duft von Calvin Klein – „Alone“. Vor den Louis Vuitton „Totschläger-Taschen-tragenden“-Gören nur Plastik zu besitzen. „Danke…“ flüstert er mit vor Kälte verzerrter Stimme in mein Gesicht. Haltestelle Gern. 23:35 Uhr. Griff in den Geldbeutel. 40 Euro Wochengeld. Ohne zu überlegen stecke ich ihm das Geld hin. Er muss anfangen zu weinen. Und ich mit. Mein Herz droht vor gefühlter Empathie zu zerreißen.

Meine Augen füllten sich erneut mit Tränen und auch mein Herz zerriss, beim Gedanken an das große Herz von Julia (für das sie häufig auf’s Übelste beschimpft wird!) und die beschämende Situation dieses Mannes, für die nicht er sich schämen sollte, sondern wir und wieder machte sich Hilflosigkeit breit in mir.


Ich werde an diesem Thema dran bleiben, denn ich kann nicht unbefangen parallel zu solchen Missständen koexistieren. Wenn ihr Ahnung und konstruktive Tipps diesbezüglich habt, teilt sie bitte hier mit uns. Danke euch!